Damit im Unternehmen keine Zwei-Klassen-Gesellschaft zwischen “Remotees” und den Leuten vor Ort entsteht, „muss viel Arbeit einfließen“, sagt Jutta Horstmann während unseres 5. Digitale Leute Meetups in Köln. Im Gespräch mit Thomas Riedel gibt euch die erfahrene Softwareentwicklerin und Produktmanagerin Tipps für das Tooling und Facilitating von Remote-Work geprägten Unternehmen (auch mit Open Source-Hintergrund.)

Über den Podcast
Digitale Leute Insights ist der Podcast für Passionate Product People. Wir interviewen Top-Produktentwickler aus Deutschland und werfen einen tiefen Blick auf die Tools, Taktiken und Methoden digitaler Professionals und Unternehmen.
Host: Thomas Riedel
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Zu den Shownotes

Wer keine zwei-Klassen-Gesellschaft in seinen verteilten Teams etablieren möchte, muss bisweilen unkonventionelle Methoden anwenden. Das führt dazu, dass selbst lokale Team-Mitglieder, die gemeinsam im Raum sitzen, dennoch ihre Laptops aufgeklappt und die Webcam aktiviert haben, damit die Remotees – wie sie bei Eyeo die Remote Worker nennen – in die Gesichter der Kollegen schauen können, erklärt Jutta Horstmann, vor circa 80 Gästen auf unserem Digitale Leute Meetup. Sie gibt uns in den folgenden 40 Gesprächs-Minuten einen facettenreichen Einblick in ihre Arbeit am weltweit erfolgreichsten Ad-Blocker “Adblock Plus”.

Von “Scratching your own Itch” zu Agilen Methoden

Die Reise für Jutta Horstmann beginnt beim Thema Open Source. Über all die Jahre hat sie für das Thema gefochten und dazu auf Konferenzen gesprochen. In ihrer eigenen Agentur entwickelte sie mit Open-Source-Software Produkte für Kunden. Hätte Eyeo keinen Open Source Background, wäre sie heute nicht bei Eyeo Abteilungsleiterin und Head of Filters, sagt Jutta:

Open Source ist ein absolutes Herzensthema. Ich würde nicht an einem Produkt arbeiten wollen, das nicht Open Source ist.

Noch heute bestimmt Eyeos erstes und wichtigstes Produkt AdBlock Plus sehr stark die Kultur des Unternehmens. Wichtige Teile des Produkts, sowie das Produkt selbst, sind Open Source. Hinter dem Produkt stehen nämlich nicht nur die eigenen Entwickler, sondern auch eine weltweite Community. Und diese entwickelt eher nach dem Motto “scratching your own itch”, kümmert sich also um die Probleme, die sie selbst als störend empfinden. Hinter agilem Arbeiten steht aber eher eine Produktvision, bei der optimalerweise alle an einem Strang ziehen, einheitliche Tools verwenden und wenn möglich auch im selben Gebäude arbeiten, erklärt Jutta.

Die Historie von Eyeo zeigt sich daher auch im Toolset des Unternehmens: Statt Slack chatten die Mitarbeiter via IRC und es gibt eine Vielzahl an Open Source-Tools zur Ticketverwaltung. Zu Juttas Aufgaben gehört auch, die erst kürzlich eingeführten agilen Methoden zu forcieren. Dazu muss sie auf die ausgeprägte Diskussionskultur im Unternehmen Rücksicht nehmen. Wenn Tools oder Prozesse geändert werden sollen, erklärt sie, wird zunächst in Discourse, der internen Open Source Forums-Software, ein Proposal erstellt. Nach einer bestimmten Zeit der asynchronen Diskussion gibt es dann einen Video-Chat mit den wichtigsten Stakeholdern.

Asynchrone Dailys und der Flow

Insbesondere die Einführung von agilen Methoden ist eine Herausforderung in Remote Teams, berichtet Jutta. Wenn sie Morgens ins Office in der Lichtstraße in Köln-Ehrenfeld kommt, startet der Tag nicht mit einem Daily mit dem Team. Weil die Mitglieder ihres Teams unter anderem in Indien und Kanada sind, wäre das auch nur zwischen 15 bis 16 Uhr möglich.

Zwar haben sie das zu Beginn ihrer Zeit bei Eyeo erst mal so gemacht, um zueinander zu finden, erklärt sie. Entwickler, die eher aus der Open-Source-Community kommen, sind es aber gewohnt anders zu arbeiten. Sie klappen den Laptop auf und gehen in den Flow. Ein Meeting unterbricht den Flow. Darum sind sie mittlerweile zu einem asynchronen Daily übergegangen.

Teambuilding mit Schuh-Fotos und Bier-Pong während der Remotee-Week

Um aus einer Gruppe von verteilten Leuten ein echtes Team zu bilden, empfiehlt Jutta Horstmann darum Teambuilding-Maßnahmen. So ist zum Beispiel das tägliche, asynchrone Check-in sehr wichtig. Die Aufgabe kann dabei jeden Tag eine andere sein. Einmal sollen alle mit einem Foto ihrer Schuhe einchecken. Ein anderes Mal postet das Team Bilder vom jeweiligen Arbeitsort. Und man stellt überraschend fest: Alle sitzen entweder auf dem Balkon oder auf der Terrasse. Diese visuellen Impulse sind wichtig, denn: “Man sieht die Leute ja immer nur bis hier hin,” erklärt sie auf dem Meetup und zeichnet mit der Handkante an ihrem Bauch eine Linie.

Überraschend war für sie darum eine Begegnung auf der Remotee-Week, ein Event, dass Eyeo unternehmensweit zwei Mal im Jahr durchführt. Dort traf Jutta erst vor wenigen Wochen eine Kollegin, die sie sich viel größer vorgestellt hatte. In echt war sie aber drei Köpfe kleiner.

Die Remotee-Week beschreibt Jutta als sehr wichtige aber auch intensive Woche. Dazu werden alle Remotees nach Köln geflogen und vor Ort einquartiert. Am Montag macht dann erst mal die Geschäftsleitung während der Reception deutlich, dass es darum geht, sich gegenseitig kennen zu lernen statt zu arbeiten.

Das konnten die Mitarbeiter dann auch von Montag bis Donnerstag tun: bei interaktiven Events wie einem Open Space, einer Cross-Team-Retrospektive, einem Design-Thinking-Workshop und einer Lego-Serious-Play-Session. Der Freitag steht dann ganz im Zeichen des Feierns: BBQ am Fühlinger See und die eine oder andere Runde Bier-Pong dürfen dabei nicht fehlen.

Das Gespräch mit Jutta war eins von zweien, die wir beim 5. Digitale Leute Meetup geführt haben. Vorher sprachen wir mit Puja Abbassi von Giant Swarm, einer Company, die zu 100% Remote arbeitet. Wie das funktioniert, könnt ihr euch hier anhören.

Shownotes

[00:00:00] Intro

[00:00:27] Begrüßung und Einführung von Thomas Riedel
[00:02:25] Start des Interviews auf dem Digitale Leute Meetup #5
[00:02:43] Einstiegsfrage: Herrscht bei Eyeo eine 2-Klassen-Gesellschaft zwischen Remote-Mitarbeiter und Office-Mitarbeitern?

[00:04:00] Thomas stellt Jutta kurz vor.

[00:05:50] Von der eigenen Firma zur Festanstellung bei Eye: Jutta erzählt, wie sie zu Eyeo gekommen ist

Im Grunde mache ich immer das Selbe: Ich kümmere mich darum, dass gute Software entwickelt wird.

[00:07:42] Welche Rolle spielt Open Source in Jutta Horstmanns Arbeit?

[00:09:35] Wieviel Open Source steckt in Eyeo?

[00:10:45] Die Rolle von Jutta Horstmann bei Eyeo

[00:11:13] Exkursion: Jutta Horstmann erklärt das Produkt AdBlock Plus.

[00:12:51] Jutta kommt zurück zu ihrer Rolle bei Eyeo
[00:13:26] Wie ist Eye personell aufgestellt?

[00:14:51] Wie könnte AdBlock im Jahre 202 aussehen?

[00:18:01] Wieviel Prozent arbeiten bei Eyeo remote?

[00:19:22] Tagesablauf von Jutta Horstmann

[00:21:17] Zwischenfrage von Stefan Voßkötter, wo sich Jutta am häufigsten aufhält.

Wir sind eine Open Source Company, darum nutzen wir Open Source Tools.

[00:23:27] Rückfrage: Ihr nutzt viele Tools, warum einigt ihr euch nicht auf eines?

[00:24:30] Wie sind die Meetingräume ausgestattet?

[00:29:15] Was ist dir als Teamleiter wichtig, damit die Kollegen ein Zeichen von sich geben?

[00:30:20] Tipps und Tricks für Produktmanager in der Remote Situation

[00:34:20] Jutta erzählt von der Remotee-Week
[00:38:25] Wie bist du zum Thema Remote Work gekommen?
[00:39:02] Was unterscheidet Remote Work bei Eyeo von der anderer Unternehmen? Was zeichnet das besonders aus?

[00:40:31] Tipps für Produktmanager zum Thema Remote Work

[00:42:10] Zwischenapplaus

[00:42:50] Fragen aus dem Publikum
[00:42:60] Frage zum Thema Remotee: Inwiefern grenzt dieses Wording ab?
[00:44:15] welchen mobilen Client nutzt Eyeo?

[00:44:45] Wie groß unterscheidet sich der Produktentwicklungsprozess generell von Remote Teams zu co-located Teams?

[00:45:20] Können alle Mitarbeiter selbst entscheiden, ob sie Remote oder lokal arbeiten?
[00:47:15] Sind bestimmte Rollen im Unternehmen wie Manager oder C-Level nicht geeignet für Remote Work?
[00:48:35] Hinweis auf einen Text von Digitale Leute

Remote Work besser machen: 7 Tipps von der Product Ownerin Mobile Apps bei Breuninger

[00:49:00] Anmerkung zur vorherigen Frage von Ronald Derler von GrandCentrix: Nach ihrer Erfahrung ist Remote Work in jeder Position möglich.
[00:50:50] Speaker fragen Speaker – Puja fragt Jutta zum Thema Sprachbarriere
[00:53:05] Speaker fragen Speaker – Jutta fragt Puja zum Thema Diversifikation