Die Umfrageplattform Typeform hat mehr als die Hälfte des Umbaus hin zu einer vollständigen Microservices-Architektur hinter sich. Ein Verdienst von Jason Harmon, der seit gut drei Jahren bei dem Startup in Barcelona ist. Wir haben mit dem Speaker des DLSummits über den Umstieg auf Microservices gesprochen und wie er in die Rolle des CTO reingewachsen ist.

“Tja, seit kurzem habe ich dieses ultradünne Macbook”, sagt Jason Harmon und hält das nagelneue Gerät grinsend in die Webcam. Damit beantwortet der CTO der Fragebogen-Plattform Typeform unsere Frage, wie viel er noch selbst am Produkt arbeitet. “Die Realität eines CTO ist eine andere. Es geht deutlich mehr um Business und Product Development. Mein Leben besteht inzwischen mehr aus Word- und Powerpoint-Dokumenten”, sagt Jason. Und obwohl man einen Hauch Wehmut in seiner Stimme hört, merkt man: Der gebürtige Texaner geht in seiner neuen Rolle bei dem in Barcelona ansässigen Startup voll auf.

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Und das hat nicht nur damit zu tun, dass Jason sich in der Hauptstadt Kataloniens sehr wohl fühlt, die ihn an seine Heimat Austin erinnert: “Beide Städte haben eine total entspannte Lebensart, das hat es einfach gemacht anzukommen.” Seit gut drei Jahren ist Jason inzwischen bei Typeform, nachdem ihn ein Freund auf das aufstrebende Startup aufmerksam gemacht hatte. Die von Robert Muñoz and David Okuniev gegründete Plattform hatte im Herbst 2015 ihr 15 Millionen Euro schweres Series-A-Funding abgeschlossen. Das Investment ermöglichte es der Plattform, auf der Nutzer schnell und einfach Fragebögen erstellen können, unter anderem den Schritt zu einer Microservice-Infrastruktur zu gehen. Und dafür benötigte Typeform einen erfahrenen Lead-Entwickler, der sich mit APIs auskennt. So kam Jason ins Spiel.

Von Paypal zu Typeform

Jason hatte gerade ein Mammut-Projekt beim Bezahldienst Paypal hinter sich. Als Head of API Design war er wesentlich daran beteiligt, “Microservices für im Grunde alles bei Paypal” zu implementieren. “Mein Team ist das einzige, das mit wirklich allen Entwickler-Teams von Paypal zusammengearbeitet hat”, sagt er nicht ohne Stolz. Doch dann lockte die Herausforderung Typeform: Vom gesettleten Internet-Konzern wieder rein in ein aufstrebendes Startup in einer der pulsierendsten Städte Europas, dazu eine Aufgabe, die “genau mein Ding war”, berichtet Jason. Ein halbes Jahr arbeitete Jason von den Staaten aus, um seine persönlichen Angelegenheiten zu regeln. Zwei Koffer pro Person blieben über, in die Jason und seine Familie ihr Leben packten. Dazu kamen noch die Hunde und ab ging es in ein Flugzeug Richtung Barcelona.

Bei Typeform ist er inzwischen in die Rolle des CTO rein gewachsen. Anfangs arbeitete er noch eng am Produkt, kümmerte sich um den Aufbau einer sauberen API-Infrastruktur und leitete den Wechsel zu Microservices ein. Dabei greift er viel auf seine Erfahrungen von Paypal zurück:

“Der Wechsel von einer monolithischen Struktur zu Microservices geschieht nicht über Nacht.”

“Es ist ein langer Prozess, bei dem man genau überlegen muss, wann man welche Kämpfe führen will. Während einige Kernelemente der Plattform noch in der alten Struktur sind, haben wir Komponenten wie Bilder-Upload oder Themes bereits in Microservices umgeschrieben. Die Hälfte des Weges haben wir geschafft.”

US-Startups vs. EU-Startups

Neben seiner Erfahrung als versierter Backend-Entwickler gibt er auch sein Know-How aus der amerikanischen Startup-Szene weiter. Typeform ist Jasons fünfte Station bei einem Startup. Im Vergleich zu den USA sieht er einen wesentlichen Unterschied in der europäischen Landschaft: “Der Kapitalmarkt hat in etwa die gleiche Größe. Aber es fehlt häufig eine Vorstellung davon, wie man einen großen Exit erfolgreich managt. Es ist hier schwieriger Leute zu finden, die das erfolgreich hinter sich gebracht haben. Das ist mit ein Grund dafür, warum wir bei Typeform Mitarbeiter aus mehr als 40 Ländern haben.”

Unterdessen kümmert er sich als CTO auch um die Weiterentwicklung von Typeform. Eine wichtige Rolle spielt dabei das neue Typeform-Produkt “Connect”, das erst vor wenigen Wochen offiziell gelauncht ist. Damit soll die Integration von Typeform in die zahllosen anderen Webdienste wie Hubspot, Mailchimp, Trello oder Slack noch einfacher gelingen. Das ist nötig, um Typeform zu einer echten Plattform-Company zu machen, sagt Jason: “Die Leute haben großen Spaß daran, mit unserem Tool Umfragen zu erstellen. Aber Fragebögen funktionieren nicht allein. Für unser Geschäft ist es am wichtigsten, dass unsere Nutzer die gewonnen Daten aus unserem Tool sinnvoll speichern, abrufen und weiterverarbeiten  können.” Bis jetzt waren dafür meist Umwege über Drittanbieter wie Zapier oder Automate.io nötig. Das soll jetzt einfacher werden.

Die neue Plattform-Ökonomie

“Wo man früher zehn Schritte brauchte, um Typeform mit einer anderen Plattform zu verknüpfen, sind es nun drei. Außerdem sehen die Nutzer auf Connect sofort, wie sie Typeform mit anderen Tools verbinden können. Und wir sehen, welche Verbindungen bei den Nutzern besonders beliebt sind”, erklärt Jason. Auch die anderen Plattform-Tools profitieren von der besseren Sichtbarkeit auf der neuen Plattform. In dieser offenen Infrastruktur sieht er die Zukunft der Plattform-Ökonomie.

“Versuche, die eine Plattform zu bauen, die alles mit allem verknüpft, gibt es seit 20 Jahren.”

“Tatsächlich ist es sehr schwer, etwas zu bauen, was wirklich funktioniert und gleichzeitig eine gute Nutzererfahrung bietet.” Das gilt erst Recht in einer Zeit, in der Web-Plattformen immer speziellere Use Cases abbilden. Typeform ist da nur ein Beispiel für die Vielzahl hochspezialisierter Anwendungen, die wir heute im Netz sehen.

Umso wichtiger ist es zu verstehen, wie die Anwender die verschiedenen Services verknüpfen wollen, um die bestmögliche Nutzererfahrung zu erhalten. Jason nennt das Beispiel Mailchimp: “Wir haben gemerkt, dass die Nutzer vor allem eins wollen: Die E-Mail-Adressen, die sie mit unserem Tool einsammeln, sollen in Mailchimp landen. Deswegen fragen wir gar nicht erst danach, ob auch andere Felder aus einem Typeform mit Mailchimp verknüpft werden sollen. Es gibt nur: Willst du E-Mails importieren? – Ja. – Sehr gut. Jetzt sammeln wir E-Mail-Adressen ein.” Sich auf den “Core Value” zu konzentrieren, das ist für Jason der Schlüssel zu einem erfolgreichen Produkt: “Konzentriere die Energie darauf, IP für dein eigenes Produkts zu entwickeln und aufzubauen. Alles andere kauft man dazu.”

Keine Frage: Die Plattform-Branche ist in den letzten Jahren explodiert. Die Zahl der Web-Tools, die uns das Leben leichter machen sollen, ist schier unüberschaubar. Und jedes lockt mit einem eigenen, vermeintlich einzigartigen Wertversprechen. Es sind diese Business-Entwicklungen die Jason mit wachsendem Interesse beobachtet: “Vor zehn Jahren ging es viel darum: Wie bauen wir saubere, offene APIs? Ich glaube, wir sind jetzt an einem Punkt, wo die Branche herausgefunden hat, wie das geht. Nun geht es darum, wie diese Verknüpfungen ein ganz neues Ökosystem formen. Was das angeht, sind wir bei Typeform inzwischen an einem wichtigen Punkt angekommen und ich möchte mithelfen, diese Business-Story weiterzuerzählen.”

“Ich habe mich diesem Projekt in einer Weise verschrieben, wie ich es vorher noch nicht getan habe.”

Klingt ganz so, als ob das blitzende Macbook Typeforms neuem CTO noch ganz gute Dienste leisten wird.

Mehr über seine Rolle als CTO bei Typeform und die Transformationsprozesse bei einem Plattform-Unternehmen wird Jason am 13. November bei unserem Digitale Leute Summit erzählen.

Titelfoto by Eva Casado de Amezua