Das UX-Design eines komplexen Produkts wie Google Analytics erfordert viel Fingerspitzengefühl. Als Head of UX Design sorgt Beril Maples dafür, dass Änderungen am Produkt nicht die Workflows der Nutzer zerschießen. Die Speakerin unseres Digitale Leute Summits hat uns erzählt, warum sie dafür manchmal Meetings crasht und wie Analytics in der englischen Version bereits auf einfache Fragen antwortet.  

Wenn es sein muss, crasht Beril Guvendik Maples auch schon mal ein Meeting bei Google Analytics, in der Hand einen Kaffeebecher von Starbucks in der Größe Venti. Der steht auch neben ihr auf dem Tisch, als wir uns mit ihr zum Videointerview treffen, sie im “kleinen” Office von Google in San Francisco, wir im Co-Workingspace in Köln. “Der muss jeden Morgen sein”, sagt sie gut gelaunt und ausgeschlafen. Bei ihr ist es kurz vor neun Uhr morgens. Bei uns ist es Freitagabend.

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Digitale Leute Summit
Mehr Insights in UX-Design bei Google Analytics bekommt ihr in Köln
am 13. November beim Digitale Leute Summit.

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Als Head of UX Design kümmert sich Beril mit ihrem Team darum, dass die Nutzer von Google Analytics möglichst einfach und schnell die gesuchte Webseiten-Statistik finden. Die größte Herausforderung dabei: Die Plattform an die unterschiedlichen Bedürfnisse von Nutzern in der ganzen Welt anzupassen, ohne das Produkt zu komplex zu machen. Das klappt nur, wenn man Produktmanager und Entwickler immer wieder daran erinnert, UX so früh wie möglich ins Boot zu holen. Und dafür ist manchmal ein bisschen Nachdruck erforderlich, sagt Beril: “Aber in 99 Prozent der Fälle sagen die Produktmanager und Entwickler, wenn ich uneingeladen in ein Meeting komme: Klar, du solltest auf jeden Fall dabei sein.”

Für UX-Design kämpfen

Mitarbeiter von Google Analytics UX-Design beim Brainstorm im Office in Mountain View.

An dieser offenen Kultur erkennt man bereits: Die Disziplin UX Design genießt bei Google seit jeher einen hohen Stellenwert. Immerhin wurde in der Zentrale in Mountain View mit der simplen, bis auf ein einziges Eingabefeld reduzierten Suchmaske eines der legendärsten UX-Designs der Webgeschichte entwickelt. Dieses Erbe spürt man noch heute, sagt Beril:

“Design ist ein zentraler Wert für Google.”

“Unsere Mission ist es, die Informationen dieser Welt zu organisieren und für die Nutzer zugänglich und nutzbar zu machen. UX hilft dabei, dass das für die Nutzer sowohl verständlich als auch unterhaltsam ist.” Doch auch bei Google Analytics muss Beril immer wieder dafür kämpfen, dass UX so früh wie möglich Teil des Prozesses ist: “Ich sage den Entwicklern immer, dass sie nicht von vornherein annehmen sollen, irgendein technisches Backend-Problem würde mich nicht interessieren. Denn das tut es! Um eine für die Nutzer vernünftige Lösung zu entwickeln, müssen wir verstehen, wie das Produkt funktioniert. Wir lösen zwar technologische Probleme. Aber UX bringt den menschlichen Aspekt mit rein.”

Es ist ein Ansatz, der deutlich macht, wie sich die Rolle der UX-Designer in Produkt-Teams in den vergangenen zwei Jahrzehnten radikal verändert hat. Als Beril bei einem kleinen Startup zu Beginn der “Dot.com”-Ära in die Tech-Branche kam, bestand ihre Hauptaufgabe noch darin, die Arbeit der Entwickler “hübsch zu machen”. Dass der Nutzer zu wenig im Mittelpunkt stand, war vielleicht auch ein Grund für das Scheitern der meisten Unternehmen aus dieser Zeit. “Ich habe das Platzen der Blase überlebt”, sagt Beril rückblickend. Eine Rückkehr in die Architektur, was sie eigentlich zunächst in Istanbul und dann in New York studiert hatte, stand für sie nie zur Diskussion.

Salesforce und Hautpflege

Stattdessen blieb sie der Tech-Branche treu. Ihr Weg führte sie zunächst zum CRM-Giganten Salesforce. Hier lernte sie, was es bedeutet, Software im großen Stil für Unternehmen zu entwickeln und zu designen. Wichtige Erfahrungen, von denen sie heute bei Google Analytics immer noch profitiert: “Ein erfolgreiches Business-Produkt, das von großen und kleinen Unternehmen seit Jahren benutzt wird, kann man nicht von Grund auf neu designen. Jede Änderung hat Auswirkungen auf die Workflows in Unternehmen, die von dieser Software abhängig sind. Und die Technologie sollte natürlich weiter auf vergangene Use Cases anwendbar sein, während sie sich gleichzeitig für zukünftige Anwendungen weiterentwickelt. Drastische Änderungen sind unter diesen Vorzeichen oft gar nicht möglich.”

Nach Salesforce folgte für Beril eine Station in der Welt der Consumer-Produkte. Bei Rodan and Fields, einem Hersteller für Hautpflegeprodukte, war sie als Director hauptverantwortlich für User Experience. Sie arbeitete eng mit Kylie Fuentes zusammen, damals VP Product von Rodan and Fields. Heute bezeichnet sie Fuentes als eine der Personen, von denen sie am meisten gelernt hat: “Sie hat mir beigebracht, ‘Business’ zu sprechen.”

“Wenn man in einer Führungsposition ist, reicht es nicht mehr, die Nutzer zu verstehen.”

“Man muss auch die Ziele des Unternehmens kennen und seine Ideen der Unternehmensleitung erklären können.” Bei der Hautpflege-Firma schärft Beril ihr Profil als UX-Lead – und bekommt schließlich den Job bei Google Analytics.

Teambuilding bei Google Analytics

Mitarbeiter von Google Analytics, UX Design, verfolgen eine Präsentation im Office in Mountain View.

Als Head of UX leitet sie nun ein Team von gut einem Dutzend Designer. Auch User Research gehört mit dazu. Mit ihrem Team steht sie im permanenten Austausch mit Produkt- und Softwareentwicklung. Einen vorgegebenen Rahmen gibt es dabei nicht. Jede Abteilung definiert ihren Workflow selbst. Aber im Mountain View-Office von Google, wo ein Großteil der Arbeit stattfindet, sind die Wege kurz. “Es ist sehr kollaborativ. Ständig laufen Leute aus den Teams zwischen den Schreibtischen herum und tauschen sich aus”, beschreibt Beril die Atmosphäre.

Selber legt sie kaum noch Hand an die Designs von Google Analytics. Stattdessen hilft sie ihren Mitarbeitern, “ihren Job bestmöglich zu erledigen.” Als eine ihrer wichtigsten Aufgaben sieht sie Teambuilding:

“Fünf Designer können fünf Dinge erledigen. Ein Team von fünf Designern kann zehn Dinge erledigen.”

Gleichzeitig achtet sie darauf, dass es nicht zu einem Work-Overload kommt: “Als ich jung war, habe ich auch zu allen Aufträgen, die an mich herangetragen wurden, ‘Ja’ gesagt. Aber irgendwann hat man mehr auf der To-Do-Liste, als man abarbeiten kann. Ich helfe meinem Team darum viel dabei, sich die Zeit richtig einzuteilen.”

Und natürlich hat sie als Führungsperson das große Ganze im Blick. Während viel am Tagesgeschäft gearbeitet wird, entwickelt sich gleichzeitig UX-Design weiter. Einen großen Trend sieht Beril in “Conversational Design”. Google Analytics versteht in der englischen Version bereits geschriebene Fragen wie “Wie viele Besucher aus Deutschland waren gestern auf meiner Webseite?”. Und liefert dann den gewünschten Datensatz direkt aus. Das macht es einfacher, bestimmte Informationen auch ohne Vorkenntnisse zu finden. Von diesen Möglichkeiten sind selbst die Profis begeistert, sagt Beril: “Natürlich nutzen wir unser eigenes Produkt. Und wir wissen, wie es geht. Aber es ist sehr viel einfacher, eine bestimmte Frage zu stellen, als die Informationen selbst zusammenstellen zu müssen.” Es ist eine Funktion, die die Anwendung der komplexen Plattform völlig verändern wird. Und damit neue Herausforderungen für das Designteam von Beril bringen wird.

Am 13. November wird Beril bei unserem Digitale Leute Summit ausführlich über ihre Rolle bei Google und die Zukunft von UX-Design sprechen.