Blockchain, Artificial Intelligence, Internet of Things: Ăśber die Megathemen der Digitalisierung wird viel diskutiert. Bei der Hotelplattform HRS macht sich VP Product Martin Biermann jeden Tag Gedanken darĂĽber, wie man aus den vermeintlichen Zukunftstechnologien schon heute konkrete Produkte entwickelt. Mehr von Martin gibt es am 13. November auf dem Digitale Leute Summit.

Wir haben keine fünf Minuten mit Martin Biermann gesprochen, da schwirrt uns schon der Kopf. “Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir eine Artificial Super Intelligence haben, die jedem menschlichen Denken überlegen ist”, visioniert er zum Einstieg in unser Gespräch über das Potenzial von Künstlicher Intelligenz. Dabei wollten wir vom VP Product der Hotelplattform HRS nur wissen, was ihn bei seiner Arbeit gerade am meisten beschäftigt. Und hatten mit ein wenig Smalltalk gerechnet, zum Beispiel darüber, wie Martin seine 22 Teams an sechs Standorten managt. Doch wie wir wenig später erfahren werden, ist es für ihn tatsächlich Alltag, genau über solche Megathemen nachzudenken. Aber nicht, weil er gerne Buzzwordbingo spielt. Martin will schon heute Produkte mit den neuesten Technologien entwickeln. Und hat dafür eigene Prozesse bei HRS geschaffen.

Die Grundlage

Seit 3 Jahren ist Martin Biermann bei dem deutschen Reiseunternehmen. Vor mehr als 40 Jahren als Reisebüro mit Fokus auf Messeübernachtungen gestartet, betreibt das familiengeführte Unternehmen inzwischen eine der größten Online-Buchungsplattformen mit dem Schwerpunkt Business Travel. In dem global operierenden Konzern ist Biermann als Vice President für die Produktentwicklung zuständig. Neben der Weiterentwicklung der bestehenden Produkte treibt Martin in dieser Rolle auch die Evolution der Technologie voran.

Für HRS hat Martin ein “Magisches Dreieck der Digitalisierung” definiert: Künstliche Intelligenz, Blockchain und Internet der Dinge sind für ihn die drei Zukunftsthemen mit der höchsten Relevanz. Verbunden werden diese Themen durch einen vierten Komplex: “Big Data ist die Basis für alle diese Technologien”, erklärt Martin. Dass er sich so intensiv mit diesen Zukunftstechnologien beschäftigt, ist im Grunde Teil der DNA des 31-Jährigen, der bereits eine beachtliche Erfahrung in der digitalen Produktentwicklung aufweisen kann.  Zu HRS kam Martin vom deutschen Mega-Inkubator “Rocket Internet”. Dort half er zwei Jahre lang mit, mobile Apps in internationalen Märkten, vor allem in Südostasien, zu launchen. Beim ersten Digitale Leute Meetup im Mai 2017 erinnerte er sich an diese wilde Zeit: “Wir haben in zwei Jahren 120 Apps gelauncht. Das ging wie am Fließband.”

Vor Rocket verbrachte er einige Jahre in den USA, wo er an der University of California in San Diego einen Abschluss in Computer Science machte. In dieser Zeit kam er mit Medizinstudenten in Kontakt, mit denen er an einer Technologie arbeitete, um Diabetespatienten besser mit Insulin zu versorgen. Schon damals stand für Martin im Vordergrund, umständliche Prozesse für den Anwender durch Digitalisierung zu vereinfachen: “Wir haben uns gefragt, wie man mit Daten und dem digitalen Zugriff auf den Körper Dinge automatisieren kann, die sonst ein Arzt machen müsste.”


Der Livestream von unserem ersten Meetup mit Martin Biermann im Mai 2017. Das Interview mit Martin beginnt ca. bei Minute 09:10.

Mit einem ähnlichen Ansatz geht er auch bei HRS vor. Damit aus Blockchain oder AI Produkte entstehen, die auf das Geschäftsmodell von HRS einzahlen, hat Martin einen festen Rahmen etabliert. Der soll sicherstellen, dass über die Technologien nicht nur geredet, sondern wirklich damit gearbeitet wird.

Schritt 1: Wissenstransfer

Bevor es ans konkrete Arbeiten geht, gilt es, das entsprechende Know-How im Unternehmen zu schaffen, erklärt Martin: “Alle, die am Wertschöpfungsprozess beteiligt sind, müssen auf dem gleichen Stand sein und die Möglichkeiten und Grenzen neuer Technologien verstehen.” Darum gibt es bei HRS einen globalen Wissensaustausch: In regelmäßigen “Knowledge Sharing Sessions” geben externe Experten ihr Fachwissen zu neuen Technologien weiter.

“Wichtig ist, dass man die Strategiegeber im Unternehmen und die, die konzeptionell am Produkt arbeiten, also Product Owner und Product Manager, maximal mit diesen Themen befruchtet.“ 

Schritt 2: Spezialisten ausbilden

In der Produktentwicklung hat sich Martin einen Stab von Leuten aufgebaut, mit denen er konkret daran arbeitet, den Hospitality-Prozess mit den genannten Technologien umzukrempeln. Dazu gehören ausgewählte UX-Designer und Produktmanager, die Bock haben, mit den neuen Technologien zu experimentieren. Martin sagt: “Nicht jeder aus meiner Abteilung muss sich mit Megathemen beschäftigen. Man braucht natürlich Leute, die täglich weiter am Produkt arbeiten und das globale Tagesgeschäft am Laufen halten und skalieren.” Mit seinen Spezialisten versucht Martin, mögliche Einsatzfelder für neue Technologien zu entdecken: “Wir haben verschiedene Value Streams für HRS aufgemacht, zu denen es wieder eigene Knowledge Sessions gibt. Das funktioniert so ein bisschen nach dem Scrum-Prinzip. Zum Beispiel gibt es alle vier Wochen Review-Sessions, in denen jeder berichtet, wie weit er mit einer bestimmten Fragestellung gekommen ist.”

Schritt 3: “Basic Digitalisierung”

Nun geht es darum, konkrete Anwendungsmöglichkeiten zu skizzieren. Das beginnt laut Martin zunächst mal ganz klassisch: “Unser Fokus liegt auf Geschäftsreisen. Wir haben diesen ganzen Prozess aufgezeichnet, vom Planen eines Meetings oder einer Konferenz über die Hotelsuche mit Buchung und Check-In bis hin zum Abschluss der Reise mit der Abrechnung der eingesammelten Rechnungen.” Hinter all diesen Punkten stehen Probleme und Pain Points: “Da geht es um Themen wie Datentransparenz und Datensicherheit, um Qualität der gebuchten Locations, um mögliche Stressfaktoren für den Reisenden. Und natürlich stehen auch die Hotels im Fokus, die eine Gewinnabsicht verfolgen”, erklärt Martin. Dieser ganze Prozess wird nun “basic digitalisiert”, wie Martin sagt. Für den Bereich “Zahlung” wird zum Beispiel mit bestehenden Technologien eine mobile App entwickelt. Die ermöglicht Bezahlung mit virtueller Kreditkarte und macht einen umständlichen Prozess schon mal erheblich einfacher. Doch das ist erst der Anfang.

Schritt 4: Next Level Digitalisierung mit Blockchain

Denn auch mit diesen Systemen sind wieder Probleme für die beteiligten Hotels und Unternehmen verbunden, zum Beispiel, wenn es darum geht, die Identität oder die Kreditkarte des zahlenden Unternehmens zu verifizieren. Nun beginnt die interessante Arbeit im Spezialistenteam von Martin: “Jetzt gehen wir da ran und überlegen: Was wäre, wenn wir über die Blockchain eine Lösung schaffen, die den bestehenden Prozess der Bezahlung komplett aushebelt, und durch ein für alle Parteien maximal sicheres und transparentes Protokollverfahren ersetzt, das auch noch in real time funktioniert?” Auf diese Weise wird ein Case definiert, an dem nun konkret gearbeitet werden kann.

Welche Prozesse sich dafĂĽr eignen, muss immer wieder neu diskutiert werden, sagt Martin: “Ich habe einen weltweiten Stab von Product Ownern, mit denen ich in Product Forums und All-Hands-Meetings in ständigem Austausch bin, sowohl zu konkreten Themen als auch zu eher abstrakten Konzepten. Denen präsentiere ich meine Ideen. An der Reaktion merkt man dann recht schnell, was geht und was nicht.“

„Entweder heiĂźt es: Daran haben wir auch schon gedacht. Oder: Der Typ ist wahnsinnig!”

“Aber meistens zeigt mir das, dass ich auf der richtigen Fährte bin. Wenn sich aber herausstellt, dass ein Konzept noch zu sehr nach “Raumschiff Enterprise” klingt oder von Marktbedingungen abhängt, die wir nicht steuern können, parken wir das erstmal.”

Schritt 5: Entwicklung

Nun beginnt die eigentliche Entwicklungsarbeit. Zunächst guckt Martin, welcher seiner Product Owner Interesse an dem Thema haben könnte und noch Kapazitäten frei hat. Im Idealfall gibt es sogar schon einen Kunden bei HRS, der auf der Suche nach einer bestimmten Lösung ist und die Entwicklung mit vorantreiben würde. Aber auch mit Start-Ups zu bestimmten Technologien arbeitet HRS über das hauseigene Innovation Lab eng zusammen. “Wir verfolgen dabei einen 30-60-90-Ansatz. Die ersten 30 Tage sind für die Erstellung eines Konzepts und um Hypothesen auf Papier zu bringen. Dann haben wir 60 Tage für Research und Validierung, in denen wir auch schon mal mit einem Paper Prototype arbeiten. Wenn wir da gute Signale sehen, dass das Projekt ausrollbar ist, dann gehen wir in eine Prototyping-Phase, in der wir in möglichst weniger als 90 Tagen einen echten MVP bauen.”

Futuretech als Chefsache

Dass diese Prozesse bei HRS inzwischen gut etabliert sind, liegt laut Martin auch daran, dass er sie zur Chefsache erklärt hat:

“Ich kann die Leute nicht einfach auf Konferenzen zu AI oder Blockchain schicken und hoffen, dass die das danach schon drauf haben.“

„Das sind High-Level-Konzepte. Das muss ich als CPO selbst machen, um später einschätzen zu können: Haben meine Leute das wirklich verstanden?” Dabei kommt dem IT-Absolventen natĂĽrlich zu Gute, dass er das nötige technologische Fachwissen mitbringt, um die Bedeutung von Themen einzuschätzen: “Als Produktchef bin ich weniger an aktuellen Hypes interessiert. Ich muss aus diesen Themen Leitlinien und Missionen entwickeln, die mit unserer Unternehmensstrategie und dem Geschäftsmodell zusammen passen.” Und dazu gehört auch, sich Gedanken ĂĽber Artificial Super Intelligence zu machen.

Titelfoto von Martin Biermann by HRS Group.

Mehr inspirierende Gedanken von Martin Biermann zur Entwicklung digitaler Produkte gibt es beim Digitale Leute Summit am 13. November in Köln. Tickets für die Veranstaltung bekommt ihr hier.

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